Sep
3
Who’s gonna ride your wild hourses?
September 3, 2010 | Leave a Comment
Liebe Maude,
es ist ganz erstaunlich, wie irrwitzig das Leben mit Kind ist. Gerade noch sitzt man im Büro, tippt eifrig an ungeheuer wichtigen Konzepten und Berichten herum, diskutiert mit einer Kollegin hitzig über die CSR-Ausrichtung des Unternehmens (und fällt bald kloppend übereinander her, aber gottseidank bin ich mittlerweile darin geübt, mich mitunter sehr zurücknehmen zu können – das hängt allerdings sehr stark davon ab, wie sehr ich die Menschen mag und schätze), im nächsten Moment schiebt man sein Businessköfferchen im Kinderwagen liegend durch den Wald, um mit dem Söhnchen auf einer Lichtung aus zusammengesammelten Ästen einen Unterstand zu bauen. Du erinnerst dich: Sehr lange und wuchtige Äste vertikal in eine Astgabel klemmen, um das auf diese Weise entstandene Dreieck nun horizontal mit weiteren Ästen von unten nach oben zu bedecken, was dem ganzen eine Art Dach verleiht,danach übt man sich und den Kleinen im professionellen Versteckspiel (Felix, schau mal hier, das hier ist auch ein ganz prima Versteck, ja, so, gut, jetzt musst du dich nur noch klein machen, so, nein, ganz klein, ähm, ja, also den Kopf runter, ja, richtig Kopf runter, sonst sehe ich dich ja noch, dann ist es ja kein Versteck, ähm, pass mal auf, so klein musst du dich hier in der Ecke hinter dem Sofa machen, warte mal, ich mache dir das mal vor, hier, so, so klein, verstanden? Gut, dann suche ich dich jetzt…zehn, neun, acht…), Kurselkopf zu üben (Hurra, ich habe Nackenwirbel! *knacks, knacks* – Kurselkopp nach zwanzig Jahren ist halsbrecherischer als ein Bungeesprung!) und schließlich auf einem unsichtbaren Pferdchen durch die Wohnung zu traben und sich von den frechen Biestern auch noch abwerfen zu lassen! Zur Strafe habe ich sie jetzt in den Flur gestellt – ohne Abendbrot! Das haben sie jetzt davon, blöde Gäule!
Kuss, kuss
H.
PS
Ich sah gestern im TV eine der unglaublichsten Frauen, die mir seit langem über den Weg gelaufen sind: Elfriede Varvrik. Sie schrieb ein Buch über Sex im Alter, ihren ersten Orgasmus mit 79 und erzählt einfach wahnsinnig komisch, weil pragmatisch und hemdsärmelig, darüber: “I bin ja total bleed großgewordn! I fand mi auch net hübsch, mit ochtzehn, vorne nix, hinten nix, naaa. I hab auch imma lieba mitn Buben gespoalt. Sex mit meinen Ehemännern, des musste halt sein, des fand ich imma … naaa! Sie könn sich joah gar net vorstelln, was Männer für blöades Zeug schreibn können. Pervers? Joah! Des sind hoalt die Männer, die habn ebn mehr Phantasie…” Damit sprengt sich natürlich Talkshow und sticht selbst Erika Berger und gestandene Pornostars aus. Gestandene Pornostars? Hm!
Sep
3
Ich Borretsch bringe immer Freude!
September 3, 2010 | Leave a Comment
Liebe Maude,
heute kurz, denn ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht. Gleich fünf Projekte gleichzeitig habe ich mir an Land gezogen – herrlich! Ich werde eine Band gründen (heute habe ich mir deshalb schon ein wenig Harmonielehre vor Augen geführt und nun spuken mir zu allem Überfluss auch noch große und kleine Terzen und übermäßige und verminderte Quinten durch den Kopf), ein Filmprojekt durchführen, mein Tennis verbessern, Schach lernen und einen Nutzgarten anlegen, um darin Borretsch für meinen Pimms-Drink anzupflanzen. Dank der von mir prognostizierten großen Beliebtheit des Getränks plane ich direktamente eine ganze Borretsch-Plantage, denn wie Plinius schon sagte: “Ich Borretsch bringe immer Freude!” – na, wenn das kein Businessmodell ist! Ich komme mir bei allen meinen Aktivitäten vor wie Max Fischer in Wes Andersons Rushmore. Wenn ich ehrlich bin, ich hätte nichts dagegen, mein Leben wäre ein einiziger langer Wes Anderson Film (inkl. der Darjeeling-Limited-Sonderkollektion von Louis Vouitton.
Zufälle gibt es! Vor zwei Tagen im Bus – ich hatte dir ja berichtet, mich zuerst den Exzentrikern unter den Londonern ausgiebig widmen zu wollen – liest die Frau neben mir Zeitung und wie ich so endlos gelangweilt hinüberschiele um mitzulesen (ich mache das gerne bei Busnachbarn, weil die meisten das hassen – juste un peu de provocation), entdecke ich unter der Rubrik “In aller Welt” einen halbseitigen Artikel über die Exzentrik der Briten, sprechen mit Blumen und so. Zapperlot! Miniorgasmus! Ein neues Buch von Benedict Le Vay ist erschiene, das den Titel trägt: “Exzentrisches Britannien”. Ich notierte es mir sofort auf dem Umschlag meines neuen Semestertickets (ich verschwieg bisher zu sagen, dass ich im 31. Semester promoviere), um nach dem Buch später genauer zu recherchieren, et voila, es ist genau das, was ich suchte!
Ferner bewegt mich ein weiteres denkwürdige Erlebnis: Am Mittwoch arbeitete ich außergewöhnlich lang, da ich so einiges an Textorrkturen und Konzepten auf dem Schreibtisch liegen hatte. So lang, dass außer mir und den Reinigungskräften kaum noch jeand im Gebäude war – also bis fünf. Plötzlich rollt die mir gänzlich unbekannte Putzfrau mit ihrem Wägelchen ins Büro. Ich grüße freundlich eine schlanke Person, etwa Anfang vierzig, die pechschwarzen Haare streng nach hinten gebunden, ein paar Strähen rahmen ihr wohlgeformtes, strenges Gesicht wie schwarze Sonnestrahlen und mit tiefer rauchiger Stimme redet sie auf mich ein, als kennten wir uns schon seit dreißig Jahren: “Ach, wenn sie hier noch länger sitzen, dann mach ich hier diesen Schreibtisch zuerst, dann mache ich ihren morgen. Machen sie gleich das Fenster zu? Machen sie das wirklich zu? (strenger Blick) Sie müssen das aber auch wirklich machen! Ja? Ja! Dann machen sie es am besten jetzt sofort zu, sonst bekomme ich ärger mit der Chefin. Nächste Woche kommt übrigens eine andere, ich habe nämlich Urlaub. Ich hoffe, die macht das auch gut hier bei ihnen. Wissen sie, ich arbeite heute schon seit vierzehn Stunden, drei verschiedene Stellen. Ach was, Reportage im Zeit Magazin? Hm. Ja das Blöde ist, dass ich zwischendurch so lange Pause habe. Eigentlich bin ich ja Physikerin, könnte sofort nach Potsdam zu Professor (vergessen) gehen, aber da sind mir zu viele Rechtsradikale, ich war da auch noch nie, im Osten und so, ach Potsdam, da würde ich auch nur total wenig Geld verdienen, nee. Was? Potsdam das ist anders als der übrige Osten? Ah, da wohnt der Jauch? Ach nee, dann müsste ich ja hier auch alle meine Freunde und so aufgeben. Und das Schachspielen. Ich spiele Schach im SV-Münster, da hinten an der Josefskirche, da trainieren wir immer, ich freu mich schon, bald ist in Senden wieder Turnier, da treten die ganzen Großmeister auf, da muss man hin nach Senden. Ach sie wohnen da? Ja da müssen sie mal hin. Ach sie wollen auch Schach lernen, wegen ihrem Sohn? Ja, da können Sie ja mal zu Wolfgang gehen. Der macht das bei uns ganz prima. Schach für Anfäger, ganz spielerisch. Ach der ist erst neunzehn Monate, na ja. Aber wie da in Senden die Kinder spielen, das ist wirklich irre, letztens hat so ein kleines Mädel vier von neun Partien gewonnen, das ist sehr gut! Ich gucke denen dann immer über die Schulter, irre wie die das machen. Einmal hat sie eine Partie richtig gedreht, da hatte der Mann nicht aufgepasst und den Bauern falsch gezogen, aber sie hat das sofort gecheckt und ihn mit vier Zügen und einer Rochade geschlagen. Der war so sauer, der hat nicht mal eine Spielanalyse mit dem Mädchen gemacht, also das finde ich echt eine Sauerei. Bitte? Ja, das macht man immer, so eine Spielanalyse, der letzten Züge, selbst wenn man verliert. Also ich spiele ja da in Senden auch in der Klasse der Großmeister. Was? Ja Großmeisterin, kann man so sagen. Na ja, ich muss dann malwieder, ich sauge dann nur hier vorne, bis morgen. Ach, in den Papierkorb muss ja gar keine Tüte rein, ist ja nur ein Papierkorb, oder? Okay.”
Mich machen solche Begegungen ganz perplex. Vorgestern noch bitte ich M. um seine kleine Schachschule und er sucht vergeblich in seinem alten Jugendzimmer nach seinem Schachcomputer, einen Tag später treffe ich eine Schachgroßmeisterin in Person der Büroputzfrau. Zufall? Seltsame Sache jedenfalls.
Eben blätterte ich in meinem Mail-Archiv und freute mich unbändig darüber, unsere Korrespondenz in Teilen aufbewahrt zu haben. Du erinnerst dich an unseren Austausch zum Thema Moral – vor allem im Hinblick auf Susan Sontag? Du über ihren (S.Ss.) Auftritt in Tübingen: “Sprach sie da vor einem Riesensaal vollgepackt mit dem Tuebinger Bildungsbuergertum, die alle die Pace-Faehnchen in ihre Audis geklemmt hatten.” – Ach ja, es ist wohl so, jede Millieu braucht seine Moralapostel, wie dumm nur, dass diese in letzter Zeit viel fehlbarer sind als man selber.
Ich wollte noch einiges dazu Schreiben, ich würde allerdings zu moralisch werden. Deshalb: Du magst einfach den ganz hervorragenden Artikel im ZEIT-Magazin über Joschka Fischer lesen – mehr braucht man über moralisierende Provokation und deren weiteren Verlauf nicht zu sagen – außer vielleicht: Ich bin kein Freund der 68er, aufgeblasenes Völkchen.
Kuss, Kuss,
dein Hieronymus
Aug
31
Sigmund Freud…
August 31, 2010 | Leave a Comment

…bei IKEA.
Aug
30
Der Pepys ist da!
August 30, 2010 | Leave a Comment
Liebe Maude,
ein paar flirrende Gedanken, während der kleine Herr H. sanft ins Schlummerland übergleitet, indes sich die Wohnung mit dem Duft des vor sich hinköchelnden Suds meines indischen Kräutertees füllt – ich habe es gestern Abend im übrigen mit köstlichstem Rotwein probiert, auch dieser half nicht gegen meinen Schlafstörungen. Es ist ein Jammer, heute Nacht wachte ich um halb vier gedankenvoll auf. Nicht, dass das den Themen oder mir irgendetwas nützte, aber mein Hirn meint anscheinend, mich auf diese Weise bei Laune halten zu müssen. Vielleicht sollte ich das tiefenpsychologisch eruieren, warum mir derzeit so extrem viel unsinniges und unsortiertes Zeug durch den Kopf schwirrt und selbst die Ansage an mein Gehirn: “Was geht mich das an?” zu keinem Ergebnis mehr führt. Ich wünschte, mein Denken wäre einfach und simpel und ließe mich des Nachtens in Ruh!
Der Pepys ist da! In der deutschen Gesamtübersetzung. Wir freuen uns sehr! M. ist sogar im beiliegenden Companion erwähnt, da der die deutsche Gesamtübersetzung mitfinanziert hat. Wenngleich ich ihn desöfteren wegen seiner unbändigen Sammlerleidenschaft (neuerdings sind es dänische Fayencen aus den 50er Jahren von Royal Kopenhagen) und entsprechenden Kauflust schelte, stolz bin ich ob seiner dortigen Erwähnung schon. Hach, der Pepys ist ein ganz wunderbares Werk, in das ich mich auf Anhieb verliebt habe. Ich gebe zu, hätte mir jemand gesagt: Lesen sie dieses Buch, es handelt von einem, der ständig seine Frau betrügt, sich trotzdem für moralisch hält, der seine Frau schlägt, selbstgerecht, sprunghaft, unzuverlässig und unmoralisch ist, der am Liebsten um sich selber kreist, und sich und seine Verdauungsprobleme enorm wichtig nimmt, ich hätte stutzig die Augenbrauen gehoben und diesen jenen in etwa so irritiert angeschaut, wie wenn mir jemand mit ernsthafter Absicht eine CD mit den Zillertaler Schürzenjägern in die Hand gedrückt hätte.
Aber Pepys – ausgesprochen im übrigen *pieps* – ist, trotz (oder gerade wegen) allem, Weltliteratur, sogar Groucho Marx hat ihn gelesen. Neben Samuel Johnson (”When a man is tired of London, he is tired of life.”) ist er der meistzitierte Autor Englands. In Deutschland dagegen ist er kaum bekannt, seltsam nicht wahr. Aber so ist es mit einigen der bekanntesten englischen Werke, wie beispielsweise “The Wind In The Willows” und “Winnie the Pooh” – wenn Disney und H&M letzteren nicht so schrecklich vermarktet hätten. Freilich Pepys ist nicht im engeren Sinne große Literatur, seine Ausführungen sind sprachlich wahrlich keine Ergüsse von besonders aufregender literarischer Qualität, wobei sie bemerkenswert flott und unterhaltsam geschrieben sind, der Inhalt allerdings ist superbe. Fragte mich heute jemand, wie ein Blog idealerweise sein müsste, so würde ich ihm sagen: Schau dir den Pepys an! Genau so sollte es sein! Ein Tagebuch bestehend aus große Politik – in die Zeit der Tagebücher fiel die Herrschaft von Oliver Cromwell, die Rückkehr Karls II. und der große Brand von London – und dann die kleinen Probeme im Alltag, dazu ein paar Liebschaften, Wein, Weib und Gesang, Ehebruch, Selbstzweifel – das ganze Leben also. Alles so authentisch verfasst, dass eines jeder und jeden Bedürfnis nach Voyeurismus auf unterhaltsamste Weise befriedigt wird. Es wäre ein wahrhaft lesenswertes Panoptikum. Das Panoptikum von Samuel Pepys ist wirklich bezaubernd skurril. Nun ich würde den Bloggern aber auch sagen müssen, das es nahezu die einzige Informationsquelle über das Leben in London im Siebzehnten Jahrhundert ist.
Mein Teesud hat sich ausgeköchelt, herrlich scharfe Pfeffernote. CvH fragt an, welchem Thema ich mich bei der Soiree widmen werde. Als ob ich das schon wüßte! Am liebsten würde ich über die “Unfähigkeit der Paula Modersohn-Becker im Hinblick auf das Zeichnen im Allgemeinen und insbesondere von Händen” referieren. Hast du die große Retrospektive in Bremen gesehen? Fürchterlich. Ich weiß nicht, was so viele, inbesondere ältere Damen an dieser ernannten Ikone des Feminismus nur finden, auch meine Schwiegermutter ist ganz frenetisch mit ihr. Malen konnte PMB jedenfalls nicht. Die stets frontal gemalten, klobigen Körper und die groben Gesichter, nein, meinen Geschmack trifft das absolut nicht. Ich sagte M. gestern, ob jemand gut malen kann, erkennt man vor allem daran, wie ein Künstler die Hände malt. Hände sind überhaupt das schwierigste Sujet! Bei meinen Eltern fiel mir ein Skizzenbuch von PMB in die Hände und welche Seite ich auch aufklappte, die Hände waren stets geschludert: unfertig, rudimentär oder gleich ganz weggelassen. Nebenbei: Ich werde im Wintersemester wieder zum Aktzeichnen an die Universität gehen.
Ach, beinahe hätte ich es vergessen, ich habe wieder mit dem Tennisspielen angefangen. Welch eine unbändige Freude! Ich war gestern ganz außer mir vor Glück, richtiggehend euphorisiert. Nach fünfzehn Jahren flitzte ich – gescheucht von meiner lieben Mutter, die sich meiner erbarmte – beihahe wie früher über den Platz, um aus vollem Lauf eine beidhändige Rückhand zu versuchen, was mir mehr schlecht als recht gelang. Tennis ist eine ganz wunderbare Beschäftigung, um sich angeregt durch den Tag zu hangeln. Ich kam darauf, als ich den Film “Match-Point” von Woody Allen sah, wie auch als M. und ich neulich durch Chelsea spazierten und ich die jungen Mütter dabei beobachtete, wie sie ihre Kinder im Park an der Royal Hospital Road zum Tennisunterricht brachten. Ein Gefühl der inneren Wehmut überkam mich in Anbetracht der Tatsache, so viele Stunden meiner Kindheit auf dem Tennisplatz vertrödelt zu haben. So dass ich beschloss, nunmehr mit vollem Ehrgeiz meinen fünfzehnjährigen Trainigsrückstand aufzuholen und mich weiterzuentwickeln. Zunächst benötige ich allerdings erstmal ein passendes Dress – weißes Röckchen, Trainigsanzug aus Ballonseide in zartem pink und Syltaufkleber auf unserem Passat, den ich mintfarbend umlackieren werde.
Gleich werde ich mich gedankenvoll meinem Referatsthema für die Soiree widmen, hast du eine Idee? Zwanzig Minuten freier Vortrag! O je! O je! Das musste ich ja nicht einmal an der Universität bewerkstelligen, aber was wäre das Leben ohne Herausforderungen, z.B. einer Volley-Stop Rückhand aus vollem Lauf gespielt, stark angeschnitten, so dass die gelbe Filzkugel auf des Gegners Seite eigentlich gar nicht mehr richtig vom Boden hoch kommen will? Herrlich!
Es grüßt dich aufs Herzlichste
Hieronymus
PS Du hast recht, wir kommen langsam in ein Alter, in dem es aus jungen Müttern sehnsuchtsvoll herausplatzt, sie würden gerne mal wieder einen Joint rauchen, und man sich beim Ansehen des “Großen Bellheims” (samstag nachmittags (!!!) im ZDF (!!!)) sorgenvoll fragt, wo denn eigentlich die letzten zwanzig Jahre geblieben sind. Diese Eskapismustendenzen sind ein sicheres Zeichen dafür, dass man zwischenzeitlich erwachsen geworden ist. Was ich davon halten soll, weiß ich allerdings noch nicht. Männer haben ihre Modelleisenbahn, aber wir Frauen?
Aug
26
Liebe Maude,
August 26, 2010 | Leave a Comment
(dritter Brief)
Liebe Maude,
eine gruselige Nacht liegt hinter mir! Ich schlafe ausgesprochen schlecht und träume wild. Ein furchtbarer Albtraum suchte mich heim. Ein Unfall mit Todesfolge und Fahrerflucht meinerseits, ließ mich gegen drei Uhr schweißgebadet aufschrecken und leider nicht wieder einschlafen. Ungewöhnlich, denn ich träumte lange Zeit gar nicht mehr und nun dieses! Endlich begreife ich, woher die Menschen ihr Material für ihre Geschichten und Filme nehmen: Man trinke zwei Liter indischen Kräutertee, bette sich viel zu spät und viel zu warm und lese vorher ein Buch über surreales Plakat-Design der 20er Jahre, heraus kommt eine geträumte Mischung aus Franz Kafka und David Lynch! Vielleicht ist der indische Kräutertee doch nicht das Richtige und ich muss abends wieder auf Marillenlikör und ähnliches alkoholisches Gesöff umschwenken, das mir einen tiefen, traumlosen Schlaf beschert.
Ich muss dir noch dringend von einer reizenden Künstlerin berichten, die ich unlängst in London entdeckte: Polly Morgan. Sie entwirft morbid-melancholische Installationen, die mich auch zwei Wochen später immer noch ganz und gar fesseln (Aha! Vielleicht auch daher das wirre Geträume!). Ich erinnere mich mit leuchtenden in den Augen und wohligem Schauer an die ausgestellten Stücke; eine bezaubernde Collage aus Vogelkadavern, Knochengerippen, bunten Luftballons und Federn. Jene düster flirrenden, „Psychopomps“ genannten, Schaustücke umfängt eine Poesie, die ihres gleichen sucht. Surreal inszenierte Stillleben, die von einem ungeheuren ästhetischen Verständnis der Künstlerin zeugen. Totes in bizarre Anmut gegossen, Kadaver mit ikonenhafter Schönheit versehen, Ekel verpackt in märchenhafte Eleganz, die beinahe ins Kitschige abzugleiten droht – dies ist der einzige Kritikpunkt, ansonsten: Ich bin begeistert!
Heute stöberte ich in einem Musikladen, an dem ich nach einer Hautoperation zufällig vorbeikam, nach einer passenden Gitarre für mich. Man drückte mir einen zentnerschweren Musikkatalog in die Hand, den ich – wie auch die vier Kataloge für italienische Espressomaschinen von Elektra und Bezzera – samt Schirm, Tasche, Wollpullover und Mantel nassgeschwitzt durch die heute schier endlos herniederprasseldnen Regenkaskaden balancierte – in dieser Situation fragte mich eine Dame ausgerechnet, ob ich ihr einen Euro in zwei fünfzig Cent Stücke verwandeln könne, was mich an die Grenzen meines beinahe oktopusarmigen Multitaskings brachte, aber irgendwie klappte. Im Bus führte ich mir dann, stark riechend – durchtränkte Jeans in Kombination mit vollgeschwitztem Wollpullover verströmen einen Geruch wie nasser Hammelbock – etwa fünfhundert E-Gitarren vor Augen. Ich fühlte mich zurückversetzt in Zeiten, in denen man noch von einer eigenen Rockband träumt – also mit 34!
Der Tag geht zur neige, die Woche auch. Meine Batterien stehen knapp vor rot. Morgen habe ich noch ein zweistündiges Mitarbeitergespräch, ich hoffe, ich schlafe zwischen den Punkten Motivation und Zukunftsplanung nicht ein. Allein das Brandenburg Concerto No. 4 in G Andante von Johann Sebastian Bach hält mich einigermaßen beisammen. Der kleine Hektor liebt glücklicherweise klassische Musik, so dass ich mich bei dieser Art musikalischer Erquickung gemeinsam mit ihm auf seinem Kuschelkissen lümmeln kann; und während ich im neuen Martenstein schmökere und mich über die langen Brustnippel von irgendeinem Roy im ZEIT-Magazin wundere, sucht Hektor auf den Seiten seines Buches den kleinen Pimmelmann, den es auf jedem Alli-Mitgutsch-Wimmelbild zu entdecken gibt.
Es grüßt ein beschwingt teegeschwängerter
H.
PS Carla van Hutten hat mir geschrieben und mich in den Club eingeladen. Ich freue mich sehr und danke dir aufs Wärmste für die Empfehlung. Die Soiree findet statt am 5. September, man bittet um einen Beitrag von mir. Sehen wir uns?
Aug
25
Liebe Maude,
August 25, 2010 | Leave a Comment
(zweiter Brief)
du hast natürlich vollkommen recht, es ist ungehörig und schrecklich gemein, dich für meine Zwecke mit allerlei unsinnigen Gedanken zu behelligen. Aber was? Soll ich es etwa einem dieser Analytiker anvertrauen? Herrje! Jeder Berliner Schreiberling legt sich heutzutage einen solchen zu, ein Analytiker als Livestyle-Accessoire c’est le dernier cri! Das Unheil der Seele hat Konjunktur. Jede kleine Seelenschau verkauft sich gut.
Ich bin dieser Art von Literatur überdrüssig. Mon Dieu! Es ist doch keine Kunstform sein Innerstes dermaßen perfide nach außen zu stülpen. Verkleidet man es indes galant, verpackt es in ein kunstvoll glitzerndes, aufregendes Gesamtpaket, in eine anrührend, enthüllende Erzählung über die flirrenden Charakter und variablen Geistesanwandlungen der menschlichen Natur, sinniert man in feinen, kunstvoll auf das Blatt geworfenen Beobachtungen über die psychosomatischen Irrungen und Wirrungen, die uns Menschenwesen umtreiben, dann will ich es konsumieren. Als Kunstform, nicht als Selbstentblößung.
Selbsterfahrungsbücher sind wie rohe Bohnen, ungenießbar! Ich liebe Proust – wer nicht? Seine Beobachtungsgabe ist fulminant, seine Personenstudien unübertroffen – soweit man das nach der Lektüre eines dreiviertel Buches sagen kann.
Zu Proust muss ich leider einwerfen, dass ich es versäumt habe „Eine Liebe Swanns“ zu Ende zu lesen, aber wie ich sehe, gibt es auch zahlreiche Filme dazu. Die Geschichte schlängelt sich dermaßen ausufernd durch die Seiten, dass es einem zwischenzeitlich unendlich langweilig wird um die beiden Protagonisten. Gewiss, man leidet mit Swann und seiner unsäglichen Verblendung bezüglich seiner angebeteten Odette, aber irgendwann – das muss am herrschenden Zeitgeist liegen – stampft man ungeduldig auf den Boden und ruft: „Das ist eine Schlampe, lieber Swann, putzen sie sich dieses Frauenzimmer aus dem Kopf, aber schnell! (Oder schießen sie sich wahlweise eine Kugel durch den Kopf, das Elend ist ja nicht länger mitanzusehen!)“ Natürlich weiß ich, wie es um einen manisch veranlagten Menschen steht. Natürlich weiß ich, dass es ja gerade darum in diesem Buch geht, um die arme abhängige Seele, die verblendete Selbstaufgabe. Vielleicht habe ich zu anderer Zeit genügend Muße, die Geschichte weiter zu verfolgen – für den Moment aber: nein.
Ich werde mich disziplinieren müssen. Auch um beispielsweise Bücher in Gänze zu schaffen. Disziplin! Eine ganz und gar schreckliche Aufgabe in meiner neugesteckten Lebensgestaltung. Vor allem, da ich mich schließlich und letztlich selber disziplinieren muss! Vielleicht kann ich M. gegen das Versprechen einiger Fayencen von Royal Kopenhagen dazu bewegen, mir ein wenig Disziplin beizubringen, aber das hieße wohl den Bock zum Gärtner zu machen. Regeln sind zwangsweise erforderlich! Ich werde mein gesamtes Leben in Regeln packen müssen. Eine gänzlich neue Erfahrung, die mich geradezu in Angstzustände versetzt, fügte ich mich bislang doch eher passiv in ein oktroyiertes Regelwerk, das mich in die funktionale Lage versetzte, morgens zeitig aufzustehen, meiner Arbeit nachzugehen und Abends wieder den Weg ins Bett zu finden. Aber vielleicht ist die selbstgeregelte Sortierung der wesentlichen Lebensbereiche keine schlechte Idee.
Nach einem kurzen erquickenden Mittagsspaziergang durch den Park bin ich zu der Erkenntnis gelangt, dass der Punkt Disziplinierung in meinem „Wie werde ich Londoner-Experiment“ warten kann. Ich werde mich zunächst dem Ausbau der Exzentrik widmen und dazu ein wenig Lesesafari betreiben.
Kuss, kuss
H.
Aug
25
Liebe Maude,
August 25, 2010 | Leave a Comment
hier stürmt es, dass die Fenster knirschen. Der Wind klopft mit aller Gewalt gegen die Scheiben, ich hoffe, sie halten stand, andernfalls muss ich mir ein anderes Plätzchen zum Schreiben suchen und mein Kräutertee erkaltet. Wie wohltuend doch ein schlichter indischer Kräutertee ist, wenn man sonst nur Champagner trinkt.
Du siehst, wieder einmal versuche ich meinem gänzlich unaufgeregten Leben die eine oder andere dekadente Aufgeregtheit abzugewinnen, indem ich sie mir selber konstruiere. Eine unheilbar schreckliche Krankheit – so rede ich es mir zumindest ein. Ich kann dich beruhigen, ich beabsichtige nicht, sie zu heilen, sondern gewissermaßen zu kanalisieren. Erlaube mir, dass ich mich dir an dieser Stelle zutiefst gedankenfrei ausbreite und von meinen inneren Eskapaden berichte. Ich muss sie ja schließlich mal loswerden.
Ansonsten werde ich sie gewiss keinem mehr auf die Nase binden, schrecklich unwichtiger Firlefanz – so called live. Keine Sorge, ich werde dir Peinlichkeiten ersparen. Schreibt dir ein von Unfug in gröbster Form gegeißelter H., akut versunken in jenem schamvollen Schmerz dahin schmelzendender “Achs und Ohas”, bei in Zusammenhang mit dem Vergehen recht subito auftretender Selbsterkenntnis. Nun, während ich hier gedankenschwer vor mich hinmäandere, wittert mein Unterbewusstsein einen erneuten Durchbruch emotionaler Diarrhö, schlimm grassierende Zeitgeistpest – deshalb ein sanfter Schwenk hin zur Ratio, derer ich mich neuerdings des öfteren bediene – etwa zwei mal am Tag. Du staunst! Zurecht!
Zunächst: Ich werde Londoner. Gewiss kein Inhabitant, wohl aber ein Attitudant. Die Londoner weisen prima Gepflogenheiten auf, die ich mir zueigen zu machen gedenke. Sie sind stets freundlich, direkt, höflich und zuvorkommend – wir beide wissen, dass mich die Adaption dieser wunderbaren Eigenarten einiges an Kraft kosten wird – sie gehen in Pubs, um sich sinnlos zu betrinken – dies vermag ich mit Leichtigkeit zu erfüllen – sie sind zu Fremden zuvorkommend und tolerant – pas de problem pour moi – sie verachten zu viel Emotionalität und halten stets die richtige Distanz zu ihrem Nächsten, sie spielen Tennis, trinken Tee, gehen in Parks, gärtnern und eine konservative Geistes- und Grundhaltung ist ebenfalls recht dienlich, wie auch die Liebe zum Exzentrischen und Abseitigem und eine grundsolide humoristische Einstellung zu eigentlich allen lebenswichtigen und unwichtigen Dingen – kurzum, die Londoner weisen viele Eigenschaften auf, die den Münsterländer ohnedies bereits charakterisieren. So sollte es mir nicht schwer fallen, die Londoner Lebensweise zu adaptieren. Ich werde berichten, wie und ob mir mein Experiment gelingt.
Just heute habe ich ein Plakat mit der Aufschrift: “Keep calm and carry on” in meinem Büro aufgehängt. Mit jener Parole gedachten die englischen Behörden die Bevölkerung bei der Übernahme Englands durch die Nazis auf ihre Bürgerpflicht hinzuweisen – ca c’est drole (die Tastenkombintion für accent circonflexe ist mir gerade entfleucht – quel malheur!). Das Plakat erinnert mich jetzt jeden Morgen an die zwingend erforderliche Contenance meiner neuen Lebensweise in jeder schier noch so bredouillenhaft erscheinenden Lebenslage, so auch in geschäftlichen Sitzungen mit Power-Point-Präsentationen. Ich habe in einer ersten Selbstanalyse bereits festgestellt: Plakate und Schilder sind äußerst fruchtbare Maßnahmen zur innerlichen Disziplinierung – besonders wenn man sie an langen Stielen mit sich herumschleppt. Ich werde vorerst jeden freien Zipfel in meiner Umgebung damit zukleben.
Ich hörte von einem wunderbaren Buch von Wolfgang Wippermann über den Sittenverfall im wilhelminischen Zeitalter. Stell dir nur vor, selbst die Schwester von Wilhelm II. hat an einer Swingerparty im Schloss Grunewald teilgenommen! Das Buch MUSS ich haben – naturelement aussschließlich aus historischen Gründen. Nach einem skurrilen, aber unendlich hübschen Varieté in London, das äußerst bizarre Hochzeiten durchführt, erkundige ich mich noch – es wird dir gefallen.
M. und ich sahen vor ein paar Tagen einen elementaren Film: A Serious Man. Ein Film, in dem nichts passiert! “Nichts passiert? Na hör mal”, höre ich M. sagen, aber ich bleibe dabei: Ein Film, in dem nichts passiert. Zugegebenermaßen stirbt der Protagonist zum Schluss – vermutlich, aber er ist gerade deshalb ganz wunderbar, wenngleich M. und ich diametrale Ansichten über die Geschichte hatten und diese auch äußerten. M. interpretierte die Geschichte als Reminiszenz an die Hiob-Geschichte, ich bin mir sicher, er hat dies irgendwo aufgeschnappt, ich allerdings befand den ständigen Dualismus zwischen der herrschenden, bzw. strafenden Hand Gottes und den Dingen (Sünden), die die Menschen auf der Erde wissentlich und/oder unwissentlich begingen als das zentrale Leitmotiv. Es geht also um die Konsequenzen des Handelns, die irdischen wiewohl die himmlischen. Verstörend: die Moral des Filmes gibt schlussendlich dem kiffenden Sohn des Protagonisten recht – dieses kleine, aber feine Coen-Rätsel (die Lösung liegt beim Rabbi und Jefferson Airplane, kein Zufall, sagt M., sei auch die Erwähnung des Albums Abraxas, das allerdings erst 1970 erschien und somit drei Jahre später, als der Film eigentlich spielt) habe ich noch nicht weiter eruiert, es fehlt einem ja in diesen schnellen Zeiten die Langeweile, sich mit solchen Fragen eingehender auseinanderzusetzen. Filmsynopse: Die Menschen sündigen, Gott richtet sie – so einfach die Botschaft, so wohltuend der Film. Obschon ich es mir nicht anmerken lasse, ich hege durchaus tiefe Bewunderung für die Anhänger moralischer Klarheit, wenngleich die eine Hälfte von ihnen oftmals recht simpel, um nicht zu sagen provinziell (was man an dem zur Schau getragenen konservativem Hochmut erkennt), gestrickt ist.
Maude, ich bin müde, wir sahen uns heute in einem Lagerhaus in Dülmen (Franka Potente, das “Dülmengirl” hat unlängst zehn Stories veröffentlicht) moderne Einrichtungsgegenstände an, vieles von diesen beleidigte mein ästhetisches Empfinden. Philippe Starck, man möge diesen Namen nicht mehr in meiner Umgebung aussprechen. Das gute Design ist leider zum Großteil in den 50er Jahren steckengeblieben. Ohnehin ist diese Zeit in Deutschland leider viel zu wenig gewürdigt, was an dieser schrecklichen Amerika-Aversion liegt. Alles ist nun gen Osten gewandt, Warschau ist schrecklich hip! Nur ich verneige mich still und leise vor den Protagonisten des Mid-Century, man kann die stilistischen und musikalischen Errungenschaften im Bereich des Jazz dieser Epoche nur täglich feiern und huldigen – mal abgesehen von den Peanuts.
Maude, alles ist viel und alles ist nichts, eine Frage der Perspektive. Man feiert selbst Schlingensief in diesen Tagen als größten Künstler aller Zeiten, es sei ihm gegönnt, dem liebsten Quatschmacher von allen. Aus diesem Grund: Man möge nur fleißig auf Papier bringen, was es in den Hirnen dieser Welt so vor sich hindenkt. Zu welchem Zweck? Zu welchem Zweck? Eine Antwort zu dieser späten Stunde würde mir zu viel Energie rauben, davon abgesehen – man sollte ich selbst nicht so wichtig nehmen, atomisieren wir uns doch auf dem Radius der Unendlichkeit, manche allmuhlicher, manche allmählicher.
Nun schlafe gut.
Kuss, kuss, dein Hieronymus
Jun
6
Poesiealbum 27 (Clara-Lotta Funnemann)
Juni 6, 2010 | Kommentare deaktiviert
Es geht mir gut,
ich kann nicht klagen,
doch ist in jedem Lebensglück,
ein wenig Unbehagen.
Jun
6
Ich kann, ich kann nicht! (anders)
Juni 6, 2010 | Kommentare deaktiviert
Man sagt, ich sei unkonform,
mitunter dekonform,
fälschlich akonform,
veraltet inkonform,
gediegener nonkonform,
umschrieben: gegen die Norm,
- und jetzt von hinten!
Jun
6
Freaky Giggel
Juni 6, 2010 | Kommentare deaktiviert
Rattelbum und Schnettelbeck,
diese beiden Zocker,
gaggelten das Zischo weg,
die alten blippo Schocker.
Riech! Schnettelbeck! Olfaktorisches!
palim, paluffke, peng die Wurst.
Rattelbum! Hier! Verdorri Verschimmeltes,
Zapperlot, bäh! Rübezahldurst!
Jetzt hier – bums, ey, Chilling-Larifari,
Jau! Gedönse! Häng-voll-ab
Rumgelümmel auf Hock-Flokati
bodennah wie frisches Kalb.
Zackidallo! Halbhingschlotztes,
Alter nimm weg, das Schreibomat,
Ratzfatz Hingerotztes,
Freaky Giggel, like Cybokid mag.





